• Recent Comments

  • Categories

  • Archives

  • « Vom »Nicht von hier sein« | Home | Funky Breeze: LIVE beim BUND »

    Feldforschung: Lied fertig, keiner klatscht

    By Paul | May 5, 2010

    Stell‘ dir vor, du spielst einen Song, in einem gut gefüllten Club und das Lied ist fertig und keiner klatscht. Nicht mal aus Mitleid oder Höflichkeit. Für mich war das ein sehr lustiger Moment. Das Komische leuchtet im Tragischen besonders hell. Nun, tragisch war’s. Nicht für mich, aber vielleicht für den Mann hinterm Mikrofon. Wie kam‘s also zu diesem skurrilen Auftritt?

    Es war ein kühler Winterabend in Dresden im taufrischen Jahr. Der Sänger, die tragische Gestalt, ein seit etwa 10 Jahren nicht mehr gesehener alter Bekannter, der bat mich, in seinem Projekt bei einem Bandausscheid in Dresden auszuhelfen. Ich sage zu. Neue Eindrücke, fremde Menschen und überraschende Gelegenheiten. Und natürlich konnte ich dem verlockenden Ruf der Neugier nicht widerstehn, zu erleben, was Daniel da auf die Beine gestellt hat.

    Es blieben mir wenig Tage, die Lieder vorzubereiten. Acht Songs in Acht Tagen. Die Songs waren simpel gestrickt. Die Herausforderung bestand im Erleiden der Musik. Lieder, bei denen sich mein Gefieder sträubt, auswendig lernen und auch noch vor kritischem Publikum spielen. Manchmal muss ein Fakir sich eben aufs Nagelbrett legen.

    Den Stil könnte man als seichten Pop bezeichnen, der von besonderer Einfachheit geprägt ist. Etwa so, als fertigst Du einen groben Entwurf eines Stücks an und präsentierst ihn als finales Werk. So richtig final wurde es dann auch am Abend des Bandausscheids – übrigens, ein faszinierendes Wort, so treffend. Auschheiden, von dannen ziehen, draußen sein, versagen. Und dann gibt es noch das Ausscheiden, etwas absondern, vom warmen feuchten Drinnen ins kalte, nasse Außen. Beide Deutungsarten vereinten sich, irgendwie, bei diesem Ausschheid.

    Philipp, ein Gitarrenfreund aus Dresden unterstützte uns auf der Bühne. Auf dem Rietberger Gitarrenfestival vor zwei Jahren habe ich ihn kennengelernt, 2009 ebenfalls in Rietberg unsere musikalische Zuneigung und Freundschaft erneuert und jetzt zum dritten mal kreuzten sich unsere Wege am späten Nachtmittag dieses kühlen Februartages vor seiner Haustür, irgendwo im Schnee gekleideten Dresden.

    Meiner Einladung beim Auftritt mitzuspielen, folgt er ohne zu zögern. »Ich guck einfach was Du spielst und steig dann ein.« Das kann er hervorragend, ein Vollblutmusiker. Und sobald du einem Chaoten wie der Paul einer ist, die Lieder von den Fingern ablesen willst, bekommt selbst ein simples Stück ungeahnte Wendungen. Das holpert auch mal beim Zuhören. Ein kurzes Entgleisen. Das Wichtigste dabei ist: cool bleiben und so tun als sei es absolut gewollt.

    Philipp und Paul brechen also zum Konzert auf. Artur, den bandeigenen Gitarrist lesen wir auf dem Weg noch auf. Das sind drei Gitarren. Zweimal akustisch und einmal elektrisch. Es ist 19 Uhr. Soundcheck steht an. Eine passende Gelegenheit, die Lieder einmal durchzuspielen.

    Zunächst ohne Sänger. Die Techniker haben sich köstlich amüsiert, als ich ihnen verriet, dass wir das erste mal miteinander musizierten und sie doch ein wenig Nachsicht mit uns haben sollten. Sie zeigten dafür Verständnis, dass drei Gitarren so weit auseinander klingen, als ob jeder aus einem eigenen Paralleluniversum seine Signale ins Publikum sendet.
    Das Unvermögen der Techniker zwei akustische Instrumente adäquat abzumischen half zusätzlich dabei, den Sound in seiner Mulmigkeit und Undifferenziertheit zu optimieren.

    Mit jedem Song harmonisierten sich unsere Frequenzen zunehmend. Jetzt befanden wir uns schon beinahe in Umlaufbahn des gleichen Planeten. Die Umlaufbahn des vermissten Bandleaders kreuzte schließlich 10 Minuten vor Konzertbeginn unseren Kurs.

    Für große Korrekturen bleibt da nicht viel Zeit. Also rein ins Vergnügen. Ich schlüpfte mental in die Rolle des distanzierten Wissenschaftlers und werde Zeuge eines sozialen Experiments aus einer Bühnenperspektive. Eine Methode, die mir hilft traumatische Versagenserlebnisse erst gar nicht zum Tragen kommen zu lassen.

    Ich sehe einzelne Publikumshäufchen. Die erste Nummer läuft an. Routiniert spulen Philipp und Paul die Akkordfolgen ab, als hätten sie‘s zum dritten und nicht erst zum zweiten mal gespielt. Artur, Gitarre #3, schwebt wieder in einer anderen Umlaufbahn.

    Seine E-Gitarre-Sound schneidet sich durch die Luft. Ich höre noch Philipp zu Artur beim Soundcheck sagen: »Hey Mann, deine Gitarre ist viel zu hell!« Artur nickte nur zustimmend und änderte nichts an seiner Klangeinstellung. Seine musikalische Wahlheimat scheint ein Ort zu sein, an dem die Gitrarre nicht “Hell” genug sein kann.

    Himmel und Hölle auf einer Bühne. Nun, soweit ließ es der Sänger nicht kommen. Daniel nuschelt Trivalverse ins Mikrofon und achtet sehr darauf, ausreichend Monotonie in die Stimme zu legen. Ich beobachte Gesichter aus denen anfängliche offene Erwartung einer skeptischen Unschlüssigkeit gewichen ist, das gerade Erlebte als »richtig schlecht« oder als »nicht meine Musikrichtung« zu beurteilen. Ein verhaltener Applaus.

    Philipp und Paul bekundeten sich gegenseitig mit wortlosen Blicken Verblüffung. Wie wenig doch ausreicht, um Beifall zu ernten. Getrieben von wissenschaftlichen Erkenntnisdrang diese Beifallsgrenze auszuloten, zündeten wir die nächste Eskalationsstufe.

    Desinteresse geht nun  im Publikum um wie eine Turboepidemie. Der Erregerherd: wir. Die Menschen unterhielten sich jetzt wieder. Es gelang uns erneut ein vollkommen undifferenziertes Klangbild zu präsentieren, geformt aus Harmoniefolgen, die im unerbittlichen Mainstream der letzten Jahrzehnte Ecken und Kanten verloren haben und veredelt von zufällig wirkenden Gesangslauten, deren musikalische Halbwertszeit die Stecke vom Mund zum Mikrofon nicht zu überdauern vermochte.

    Das sind harte Brötchen für die Ohren. Und da war er der magische Moment einer Grenzüberwindung. Das fulminante Finale. Das Paraxodon der Vereinigung von unvereinbaren Gegensätzen. Die Weisheit stellte sich ins Licht der Wahrheit und schenkte uns den Schatten der Erkenntnis (Welch‘ schöner Satz, ich hoffe, er ergibt Sinn).

    Ein Moment von absoluter Einigkeit. Konsens in einer Gruppe, wo Interessen, Neigungen und Ansichten so zersplittert sind wie zu Boden gefallene Bierflaschen. Nicht ein im Ansatz erkennbarer Gestus, der eventuell im tatsächlichen Vollzug des Applaudierens abschließt. Zu welcher Gelegenheit herrscht schon solche überwältigende Einstimmigkeit.

    Das geht über Schwarmintelligenz hinaus. Einzelne bewegen sich zum Zentrum des Schwarms und schauen was der Nachbar tut. Nein, alle schwimmen wie von unsichtbarer Macht gelenkt in die gleiche Richtung gegen den Strom sozialer Konventionen, denen zu erliegen ein Leichtes ist. Keiner klatscht. Ja, jeder tut gerade so als wäre das eben nie passiert.

    Tragisch ist‘s für den, der die Schönheit der Ruhe, die sonst so jäh von rauschendem, tosendem, hagelnden, nieselndem oder plätscherndem Applaus verdorben wird, nicht erkennt. In dem Fall, der Sänger. Oder er hat in Augen der Medusa der Freude gesehen, was seinen versteinerten Gesichtsausdruck erklären würde.

    Im Fall von Applaus halte ich es gerne wie mit Gesellschaft. Keine ist besser als schlechte Gesellschaft. Lieber ein ehrliches Nicht-Klatschen als verlogener Beifall. Selbst Buh-Rufe sind erfrischend, besonders wenn sie mit fliegendem Gemüse unterstrichen werden. Dieser Grenze konnte ich mich empirisch noch nicht nähern, aber ich arbeite daran.

    Topics: Kulturkritik, Musique, Streunen, TOUR | 2 Comments »

    2 Responses to “Feldforschung: Lied fertig, keiner klatscht”

    1. Gizen Says:
      June 16th, 2010 at 12:00 am

      Da habt ihr ja was gerissen im schönen Dresden. Das hät ich mir gerne mal angehört und da ich unmeist frisches Gemüse mit mir trage außer vereinzelt Pilzchen hätte ihr auch nix schlimmes zu erwarten gehabt. Keep on rocking mein Bester!

    2. Bernd Says:
      August 20th, 2010 at 12:32 am

      Hi Paul,
      bei dieser Schilderung sehe ich Phil und Dich förmlich vor mir…;-) Fantastisch und plastisch formuliert. Da macht lesen richtig Freude – allererste Sahne!
      CU und Gruß aus Lemgo
      Bernd ( eurer Herbergsvater am 27.11.)

    Comments